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campusKULTUR Featured Ganz vorn — 05 November 2017

Unidram 2017 – 5 Tage Theater, Tanz, Performance und Musik (Foto: Göran Gnaudschun)

Vom 31. Oktober bis 4. November hieß es wieder in der Schiffbauergasse: Vorhang auf für internationale Theatergruppen. Das Theaterfestival Unidram überraschte die Zuschauer_innen zum 24. Mal im Potsdamer Kulturquartier mit neuen, innovativen Theaterstücken. SpeakUP war dabei. Von Eileen Schüler.

Unidram hat sich bei vielen Professor_innen, Student_innen, Theaterkenner_innen und -liebhaber_innen zum Pflichttermin im Kalender etabliert. Innerhalb der fünf Tage konnte man sich in diesem Jahr 12 Inszenierungen aus Finnland, dem Iran, Tschechien, Spanien, den Niederlanden, Bulgarien und Deutschland ansehen. Große Videoinstallationen flimmern über den Theatervorhang, eine mysteriöse Maschine aus Glasspulen, Köpfe rollen, eine Theatervorführung für eine einzelne Person, in dem ein Metallauge spricht und magische Momente – das alles bekam das Publikum bei Unidram zusehen.

Ein Faden als Erinnerung

Ein kleines Holzhaus steht im Vollmondschein auf dem Schirrhof. Die 20 Theaterbesucher_innen stehen im Halbkreis mit erwartungsvollen Blicken vor dem Haus und warten auf den Beginn der Vorstellung. Plötzlich zieht ein Mann, mit einer Pelzmütze und Pelzmantel bekleidet, die Gardine des kleinen Fensters beiseite und öffnet kurz darauf die Haustür. Er bittet einen Gast nach dem anderen zu sich, heißt sie willkommen oder flüstert ihnen etwas ins Ohr und führt sie ins Innere des Hauses.

Warum sind Fäden in den Mänteln versteckt? (Foto: Ponten Pie  Rtica Foto Eva G Alcantara 1)

Dort herrscht arktische Kälte. Allerdings bekommt jeder der Zuschauer_innen einen Pelzmantel von einer Frau angezogen und darf sich auf einen kleinen Stuhl setzen. Währenddessen überprüft ein weiterer Mann die alten Pelzmäntel auf ihre Qualität und Beschädigungen. In mehreren Mantellöchern findet er eine Garnrolle. Er spinnt die Fäden auf gläserne Spulen und rechts erscheint hinter einem Schaufenster die Geschichte eines Obdachlosen, dem der Mantel einmal gehörte. Allein nur durch Mimik und Gestik nehmen die Zuschauer_innen das Elend des armen Menschen wahr.

Das Publikum wird wieder in die Realität zurückgeholt und beobachtet wie ein weiterer Mantel untersucht wird. Ein weiterer aufgewickelter Faden befindet sich im Innenfutter und erzählt die Geschichte eines älteren Mannes durch ein Fenster. Ein kleines Mädchen zieht den alten Mann durch die Stadt, sie schauen sich Schaufenster an. Auf einmal kauft er ihr einen kandierten Apfel.

Als nächstes sucht der Pelzuntersucher den aufgerollten Faden in den Taschen der Zuschauer_innen und findet ihn in der Manteltasche einer jungen Frau. Auf der rechten Seite wird dann die Geschichte einer alten Frau gezeigt, die die Garnrollen immer in den Mänteln versteckt hat. Sie wickelt die letzte Garnrolle in ein kleines Päckchen und stirbt dann.

Das Päckchen wird in den Zuschauerraum hereingereicht und die Schauspielerin verteilt an das Publikum jeweils einen Abschnitt des langen Fadens, den sie als Erinnerung mitnehmen können. Danach werden ihnen die Pelzmäntel wieder ausgezogen und sie dürfen wieder aus der Holzhütte treten. Nach der Verabschiedung erklingt der Applaus für die Schauspieler_innen vor dem Haus.

Die spanische Kompanie Ponten Pie hat sehr überzeugend und authentisch in dem kleinen Holzhaus ihr Stück „Ârtica“ dargeboten. Für die Zuschauer_innen war es ein aktives Theatererlebnis, weil sie in die Handlungen eingebunden wurden und auch in alle Richtungen schauen mussten, um die Aktionen genau wahrnehmen zu können. Eine sehr gelungene Aufführung durch viele kleine Details, an die sich das Publikum gerne erinnert.

Es ist kompliziert!

Ein gedeckter Tisch, zwei Stühle, alles in grau gehalten, nur eine Vase voller bunter Blumen steht auf dem Tisch – so sieht das Bühnenbild zu Beginn von „Departure“ des finnischen Regisseurs Kalle Nio aus. Eine Frau und ein Mann betreten die Bühne in der Reithalle. Er stochert mit der Gabel in seinem Essen herum. Sie klopft gegen ihr Glas, räuspert sich, prostet ihm zu und trinkt ihren Wein. Daraufhin wirft der Mann den Schlüssel auf den Tisch. Die Frau reißt den grauen Vorhang auf und sieht auf eine Videoinstallation, die das Meer zeigt. Er will hinter sie ans Fenster treten und ihren Rücken berühren. Doch sie entzieht sich ihm, geht wieder zum Tisch und er zieht sich seinen Mantel über. Sie zündet sich eine Zigarette an, während der Mann sich den Mantel wieder auszieht, sich hinsetzt und weiter im Essen herummatscht. Diese Szene wird drei Mal wiederholt. Dabei ist zu beachten, dass die Aufmerksamkeit nicht nur auf die Bewegungen der Schauspielerin und des Schauspielers gelenkt werden, sondern auch die Geräusche durch eine Verstärkung in den Vordergrund treten und somit die Handlungen zusätzlich unterstreichen.

Bei der vierten Wiederholung der Routine ändern sich die Vorgänge: Die Frau geht nicht zum Fenster, sondern macht einen Schritt auf den sitzenden Mann zu. Der Vorhang zieht sich alleine auf. Dieses Mal geht der Mann ans Fenster, schaut alleine auf die aufbrausende See und zieht den Vorhang zu. Es beginnt eine unruhige Musik zu spielen und die Frau tanzt wie auf einem unsichtbaren Seil. Dabei zieht sich ihr Kleid wie von selbst aus.

In der nächsten Szene folgt ein Spiel mit dem Mantel, der an und wieder ausgezogen wird. Mal sieht man vier Hände und mal wirkt er wie schwebend. Plötzlich tritt die Frau aus dem Mantel und sie befreien sich beide von dem Kleidungsstück. Dadurch wirkt es wie eine Befreiung von alten Zwängen in einer Beziehung. Es ist ein Loslassen und doch wollen sie an etwas festhalten. Darauf folgen Tanzbewegungen zu aufwühlenden Klängen, die dann zu einem Klavierstück wechseln.

Auf dem Vorhang erscheint eine große Videoinstallation, während im Hintergrund 50er Jahre Musik spielt. Plötzlich fällt der Vorhang, man hört ein Donnergrollen und der Regen prasselt. Die Frau und der Mann umarmen sich und verschwimmen im Regen. Es ist ein Spiel aus Videoinstallation und realer Darstellung auf der Bühne. Sie finden zusammen und gehen wieder auseinander.

Plötzlich betritt der Mann wieder die Bühne. Zuerst hält er ein Bügelbrett in der Hand wie ein Surfbrett, dann bügelt er jedoch sein Hemd, raucht seine Zigarette und trinkt Cognac. Im Hintergrund hört man einen Song aus den 60er Jahren: „He’s back again“. Allerdings macht sich das Hemd nach kurzer Zeit selbstständig und es entsteht ein Kampf zwischen dem Mann und dem Hemd. Auf einmal erscheint die Frau im roten Kleid, will den Mann vom Bügelbrett wegholen und verführen. Allerdings gelingt ihr das nicht und er verlässt die Bühne. Die Frau stellt das Cognacglas auf ihre Stirn und geht dabei mit dem Oberkörper immer weiter nach hinten.

Das Paar sitzt sich in einem Glaskasten an dem Tisch gegenüber. Die Tischdecke zerfließt und alles wird vom Tisch geschoben – die Blumenvase, die Gläser, die Weinflasche. Anschließend klettern sie auf den Tisch und reißen sich die Kleider vom Leib. Danach reißt die Frau eine Glaswand auf und die Scheiben werden visuell in der Luft herumgewirbelt – es ist magisch. Die beiden Protagonisten schieben die Tische gegensätzlich hin und her. Eine Glaswand dient als Trennung. Die Frau verschwindet hinter dem umgekippten Tisch und ihr Spiegelbild spiegelt sich auf der Glaswand, sodass es aussieht, als würde sie in der Luft schweben, obwohl die Zuschauer_innen sie eigentlich hinter dem Tisch nicht sehen können.

Eindruck vom Internationalen Theaterfestival Unidram – Kalle Nio WHS Cutting Edge (Foto: Kalle Nio)

Zum Schluss beginnt ein Spiel aus Seilen: Sie ziehen gemeinsam an einem Seil. Dann zieht jede Person an einem anderen Seil. Abrupt verschwinden sie, der Vorhang fällt in Seilen herunter. Frei nach Brecht: Der Vorhang zu und alle Fragen offen. Das Publikum taucht aus den magischen Bildern wieder in der Realität auf und ein tosender Applaus beginnt.

Der Illusionist Kalle Nio triumphiert gleich mit zwei Performances auf dem Theaterfestival, denn er durfte schon am 31. Oktober mit seinem Stück „Cutting of Edge“ eröffnen, in dem historische Gemälde über Enthauptungen als tyrannischer Akt der Grausamkeit dargestellt wurden. Die Mischung aus Zauberei, zeitgenössischem Tanz, bildender Kunst und kritischer Auseinandersetzung mit Vergangenem und Aktuellem lassen sein Schauspiel einzigartig wirken.

Atemberaubende Eindrücke wirken lassen

US-amerikanische Band „Somebody Else“ animiert zum Tanzen im Theaterzelt (Foto: Brian Hammerschmidt)

Nach den atemberaubenden Theaterstücken ist das Theaterzelt im Schirrhof der Treffpunkt für die Theaterszene. Hier hat man die Möglichkeiten sich auszutauschen und den Abend bei guter Musik ausklingen zu lassen. Die US-amerikanische Band „Somebody Else“ begeisterte am Freitagabend die Theaterbesucher_innen mit ihrem Mix aus Funk, Soul, Hip-Hop, Blues, Jazz und Gospel und animierte viele zum Tanzen.

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