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campusKULTUR — 21 Oktober 2011

Zu viele Menschen, zu viel Stress, zu wenig Zeit, zu wenig Freiheit! Gesellschaft macht das Leben erst lebbar, vor allem aber erst lebenswert. Dennoch kann sie höllisch anstrengend sein. Wer möchte nicht ab und zu eine „Auszeit“ nehmen von sinnentleerten Smalltalks, aufdringlichen Smartphones und Emails oder von überfüllten, heißen, schwitzigen Vorlesungssälen? Auch (oder gerade weil?) ich nicht gern allein bin, habe ich versucht, mich in die Einsamkeit zu flüchten – und bin gescheitert. Zum Glück. Von Denis Newiak.

Hektisch klingelnde Handys. Die Emails müssen noch beantwortet werden. Wann war noch mal das Treffen, um das Referat vorzubereiten? Nicht noch eine Redaktionssitzung! In der U-Bahn scheinen mich alle anzuhusten, es ist so eng. „Ausschlafen“… was bedeutete das noch gleich? – Die heutige Zeit verlangt den Menschen viel ab, auch uns Studierenden, die gerade noch genug Zeit für einen Pappbecher-Kaffee mit Baguette statt für ein warmes ruhiges Mittagessen haben, die zwischen aneinander gereihten Seminaren, Meetings und SMSen kaum noch zum Denken kommen, stattdessen sich chronisch überlastet fühlen. Zum Leben brauchen wir die Gesellschaft, ohne sie ist es langweilig, unkomfortabel, schlicht: nicht menschenwürdig.

Aber zu viel Gesellschaft kann auch aufreibend wirken – Statusmeldungen von hunderten Facebook-„Freund_innen“, die anfallenden Klausuren an der Uni und aus allen Nähten platzende Großstädte mit zu viel Lärm, Werbung und Tristesse müssen erstmal verkraftet werden. Nicht immer klappt das so, wie wir es uns wünschen würden.

Dem streitbaren deutschen Philosophen Friedrich Nietzsche ging das vor über einhundert Jahren schon ähnlich (auch wenn ihn weniger das Handygebimmel als das Leben im Allgemeinen fertig gemacht hat). Er hat sich in die Einsamkeit der Berge zurückgezogen, als ihm die Decke der Gesellschaft über dem Kopf zusammenbrach.

Sieben Sommer lebte er zwischen 1881 und 1888 in sozialer Isolation in einem kleinen Zimmer in Sils-Maria, einem Dorf mitten in den Südschweizer Alpen, einen Spaziergang von Italien entfernt, auf zweitausend Metern Höhe gelegen, eingebettet in umzingelnde Viertausen- der des Oberengadins mit seiner dünnen frischen Luft. Wenige hundert Menschen lebten Ende des 19. Jahrhunderts in die- sem Dorf, heute sind es vielleicht ein paar mehr. Bei stundenlangen einsamen Wanderungen kam der Philosoph zum Nachdenken, brachte die Ideen für seine Hauptwerke wie „Also sprach Zarathustra“ hervor, die er dann bei teils frösteln- den Temperaturen und einem überaus asketischen Lebensstil auf seinem Zimmer niederschrieb. In dieser hochproduktiven Phase warf er wie eine Maschine unzählige philosophische Klassiker und Briefe aus, sie prägten das 20. Jahrhundert – leider auch von den Nazis missbraucht – und sind noch (oder wohl eher vor allem) heute topaktuelles Forschungsthema.

Was war da passiert? Wie kann ein Mensch, der sonst sein Leben nicht auf die Reihe bekommt, in den einsamen Bergen mit einer Minirente plötzlich zur Weltberühmtheit werden? Was hat dieser Ort, dieses Leben an sich, was es so fruchtbar macht? Neugierig habe ich mich mit einem Exposé für eine Hausarbeit „Nietzsche und Einsamkeit“ auf den Weg nach Sils-Maria gemacht – und in einem Selbstexperiment zu erleben versucht, was Einsamkeit heute bedeutet, wie sich ein Leben abseits von Bahnhöfen, Kaffeeläden und Computern anfühlt.

Basel, 1. August 2011. Ich gewöhne mir die Gesellschaft langsam ab, einsam sein kann schließlich sehr schwer sein. Eine Freundin begleitet mich im ICE nach Basel, wo wir uns ein Zimmer teilen. Warum ist hier alles so teuer? Und warum muss der Schweizer Franken ausgerechnet jetzt Höhenflüge erleben?

St. Moritz, 4. August 2011. Gerade sind wir aus Zürich gekommen. Die Jugendherberge hier im Olympiadorf ist schön, sehr modern. Aber teuer – wie alles in der Schweiz… Das Höhenklima macht sich bemerkbar: Die dünne Luft wirkt anregend, der Puls wird schneller, ich fühle mich belebt. Morgen geht es für mich nach Sils. Allein.

Sils-Maria, 8. August 2011. Mein dritter Tag im Nietzschehaus. Irgendwie träume ich seit meiner Ankunft mehr, und die Träume sind irgendwie plastischer und aufschlussreicher als sonst. Einbilden tue ich mir das bestimmt nicht! Morgens verausgabt sich die Sonne – und kaum wandere ich los, zieht es zu und es gießt wie aus Eimern. Zum Glück ist kein Dorf mehr als zwei Fußstunden entfernt. Ich fühle mich belebt. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich jemals Lust gehabt hätte, im Regen durch die Berge zu latschen.

Sils-Maria, 11. August 2011. Die Übereuphorie nach der ersten Woche ist weg, wie es die Fachliteratur hat erahnen lassen. Zum Glück sind auch die Gesichtsrötungen (nicht von der Sonne, sondern der Höhe) wieder verschwunden. Anscheinend habe ich mich akklimatisiert. Ich schreibe jeden Tag einen dicken Brief, jeweils um die 20 Seiten. Ich empfinde es als befreiend. Arm sind nur die dran, die sich gezwungen fühlen, das Zeug auch zu lesen…

Sils-Maria, 12. August 2011. Herr Prof. Bloch, der das Nietzschehaus als Museum, Forschungs- und Begegnungsort mit aufgebaut und stark geprägt hat, hat mich zu einer Konferenz in das dekadente Hotel „Waldhaus“ eingeladen. Ein Referent erklärt den Unterschied zwischen Einsamkeit, die man selbst wählt und die produktiv sein kann, und Verlassenheit, die einen überwältigt und zur Sackgasse wird. Nietzsche wollte einsam sein, doch er hat wohl keinen Weg mehr zurück gefunden. Das soll mir nicht passieren.

Sils-Maria, 15. August 2011. Eigentlich wollte ich nicht ins Internet gehen. Nur Emails mit „Copenhagen“ und „Apartment“ im Betreff (mein Auslandssemes- ter geht am 1. September los) kommen als SMS weitergeleitet auf mein Handy, mehr nicht. Heute gab es endlich ein Wohnungsangebot, welches vertrauenswürdig aussieht. Gut, dass ich trotz aller technikfeindlichen Vorsätze sofort per Email zugeschlagen habe.

Sils-Maria, 17. August 2011. Endlich! Ein Brief aus Potsdam! Ich verschlinge die Seiten wie die tägliche Portion Käse. Von meiner Wanderung nach St. Moritz und zurück habe ich Muskelkater, aber ich möchte noch größere Touren machen. Arbeiten die Beine, arbeitet auch der Kopf.

Sils-Maria, 19. August 2011. Nietzsche mochte die Gefahr. Ich kann in der Regel ganz gut auf sie verzichten. Als ich aber heute im Val Fedoz war, völlig allein, und graue Wolken das Tal bedeckten, wurde mir schrecklich heiß vor Schreck – und es fühlte sich beunruhigend gut an.

Sils-Maria, 22. August 2011. Meine letzte Woche im Engadin. Höchste Zeit für ein Bad im Silser See. Fünf Minuten reichen mir bei einstelligen Wassertemperaturen. Meine Hängematte auf Chastè (der paradiesischen Halbinsel neben Sils) zieht neidische Blicke auf sich. Heute Morgen habe ich mich noch gewundert, warum so viele Kunstschaffende, Gelehrte und – reiche Schnösel immer wieder ausgerechnet hierher kommen. Sils zieht sie magnetisch an. Gibt es denn keine anderen schönen Ecken auf der Welt? Widerwillig spiele aber auch ich mit dem Gedanken, bald wiederzukommen – dabei hatte ich mir diese Sehnsucht doch verboten!

Sils-Maria, 23. August 2011. Heute wage ich die Tour zum Julierpass über Silvaplana, dann gute tausend Meter Aufstieg und zurück nach Sils, rund 24 Kilometer. Auf dem steilen Felsweg, von dem Geröll herunterrollt, welches die eisige Stille durchbricht, fühle ich mich verlassen – und will zurück zu den Menschen. Zum Glück ist in ein paar Tagen alles vorbei! Doch die Aussicht vom Gipfel macht alles wieder gut… Die Berge sehen aus wie eine Filmkulisse, wie gemalt für das Alpenkino, total platt und unecht, dennoch monströs. Wenn ich mir dazu „Wadde Hadde Dudde Da?“ auf die Kopfhörer lege, bekommt diese Landschaft einen zynischen Touch.

Sils-Maria, 26. August 2011. „In der Einsamkeit frisst sich der Einsame selbst auf, in der Vielsamkeit fressen ihn die vielen. Nun wähle.“ – Ich wähle lieber das Zweitere. Einsam sein darf nur die Ausnahme sein, eine Sondersituation, nicht die Regel. Selbst der einsamste Nietzsche weiß: „Die Einsamkeit ist mitunter gar zu trostlos“. Von der Einsamkeit habe ich erstmal genug. Zum Glück habe ich für meine Hausarbeit noch Zeit bis zum Frühjahr.

Hannover, 27. August 2011. Ich bin zurück. Was hat mich in der Großstadt empfangen? Zugverspätung, der Streit mit T-Mobile über unrechtmäßige Abbuchungen, McDonald’s. Aber vor allem: Meine geliebte große Schwester, mein erwachsener Neffe Micha – und der kleine dreijährige Robert. Den ganzen Tag spiele ich mit ihm und seinem neuen plüschigroten Spielzeugzug der Rhätischen Bahn. Dann erzählt er mir von den Zügen, die mich zu ihm bringen: ICE, TGV – ich habe den Eindruck, er hat Schienenverkehrswesen studiert!

Wer will da noch einsam sein?

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