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campusKULTUR Featured Ganz vorn — 18 November 2017

Cover des Kursbuchs 191 „Bullshit.Sprech“ (Foto: Kursbuch)

„Das ist doch alles Bullshit“, der Gedanke ist sicher schon vielen gekommen. Aber was ist eigentlich Bullshit? Wie und wo wird er eingesetzt und wie funktioniert er? Und wie erkennt man Bullshit? Im neuen Kursbuch, das am 2. September 2017 erschienen ist, werden diese Fragen von 14 Autor_innen aus der Wirtschaft, Philosophie, Soziologie, Theologie, Politik und Musik erörtert. Dabei liefert das Kursbuch in erster Linie keine einfachen Antworten, sondern Ansätze und Fragen für weitere Überlegungen.Von Julia Hennig.

Das Kursbuch ist eine Publikationsreihe, die 1965 von Hans Magnus Enzensberger gegründet wurde, um „Verbindungslinien zu schaffen“. Ausgehend von der Studentenrevolte sollte hiermit ein Ort für neue Themen und kritische Blicke geschaffen werden. Im Jahre 2012 begann nach einer vierjährigen Pause mit den neuen Herausgebern Peter Felixberger und Armin Nassehi und einem Wechsel zum Murmann Verlag in Hamburg eine neue Phase des Kursbuchs.

Das Kursbuch bietet Autor_innen die besondere Gelegenheit, auch in längeren Texten ihre Argumentationen zu entwickeln. Das Ziel bestehe dabei nicht darin, dem_der Leser_in eine „feste Wahrheit“ wie richtig oder falsch zu vermitteln. Vielmehr sollen die Essays durch die verschiedenen Perspektiven der Autor_innen auf ein Thema als Beginn einer „eigenen Erörterungsarbeit“ dienen.

Über die Motivation des Bullshit-Sprech

„Dem Bullshitter ist sein Bullshit egal, Hauptsache, er kommt damit durch“, so charakterisiert Harry G. Frankfurt, auf den sich Armin Nassehi in seinem Editorial des Kursbuchs bezieht, Bullshit-Sprech. Frankfurt, emeritierter Professor für Philosophie an der Princeton University, veröffentlichte im Jahre 2006 sein Essay Bullshit. Darin thematisiert er auch die Frage, ob und inwieweit Bullshit bewusst eingesetzt wird. Diese Frage erörtern ebenfalls die Autor_innen des Kursbuchs, wobei alle Texte nach Nassehi „Geschichten des Damit-Durchkommens“ darstellen.

Beim aktuellen Beispiel, der Inhaftierung des Journalisten und auch Kursbuch-Autors Deniz Yücel, hofft er hingegen auf einen guten Ausgang. Dabei zeige sich an den Bedingungen und Argumenten der Haft Bullshit-Sprech in Reimform: „offenkundiger Unsinn, dessen Offenkundigkeit wohl auch den Sprechern bekannt sein dürfte, freilich gepaart mit der Chance, damit durchzukommen.“

Pop als Heilige Dreifaltigkeit des Kapitalismus

In seinem Essay beschreibt Maurice Summen, selbst Labelbetreiber und Musiker, Pop als globales Phänomen des Konsums, das bequem sei und suggeriere, das Leben einfacher zu machen. Entstanden sei der Pop fast zeitgleich in den 1950er-Jahren in der Kunst- und Musikwelt in Amerika und Europa, durch seinen Konsum wurde die Wirtschaft schnell zum dritten Pfeiler. Bei seiner Analyse erwähnt der Autor wie selbstverständlich Obama, Trump und Helene Fischer in einem Text, die alle den Pop für ihre Zwecke nutzen. Nach Summen inszeniere sich Trump mithilfe des Pops als Kämpfer gegen das Establishment und übe daher wegen seiner Unberechenbarkeit eine große Faszination auf seine Anhänger_innen aus.

Kennzeichnend für den Pop sei daher, dass er gesellschaftliche Probleme und Widersprüche ausblende, um das Leben (augenscheinlich) einfacher und bequemer zu machen. Hierfür stehen nach dem Autor Pop-Songs wie „Happy“von Pharrell Williams, aber auch der Wahlkampfslogan der CDU/CSU im Herbst 2017: „Arbeit für alle“. Letztendlich geht es, wie Summen betont, nicht um die Wahrheit, sondern um den Erfolg des Bullshits.

„Bullshit auf höchstem Niveau“: Die Dramaturgie der Talkshows

Hans Hütt, Politikwissenschaftler und Journalist, untersucht in seinem Essay in 14 Anleitungen die erfolgreiche Anwendung des Bullshits in Talkshows. Dabei konstatiert er, dass Talkshows in ihrem Ablauf einem „quasi höfischen Zeremoniell“ folgten. So blieben die Gäste einer Sendung bei ihrer mithergebrachten, fest geformten Meinung und ließen sich davon auch nicht durch Gegenargumente abbringen.

Daher spielen Talkshows laut Hütt eine trügerische Normalwelt vor, in der eine politische Stabilität herrsche. Diese soll die Sehnsucht des Publikums nach Konsens erfüllen, so dass unerwartete Äußerungen, Überraschungen und andere Sichtweisen auf Themen keinen Platz fänden. Bei der Analyse des Bullshits in politischen Talkshows sei daher auch nicht das Gesagte interessant, sondern das Ungesagte und Ungefragte.

Bullshit-Sprech im Unternehmensalltag

In ihrem Essay analysieren die beiden Verfasser Markus Baumanns und Torsten Schumacher, die selbst unter anderem als Unternehmensberater arbeiten, die Verwendung von Bullshit-Sprech im Unternehmensalltag. Dabei werden laut den Autoren auf der Suche nach Veränderungen und der „Frustration über die Bewegungsunfähigkeit der eigenen Organisation“ neue Wörter, insbesondere Denglizismen, in Unternehmen eingeführt. Diese Denglizismen wie „gebrainstormt“, „kreative Challenge“und „Innovationsapproach“ stehen aber nicht für Neuerungen, sondern nur für „inhaltsleere Ratlosigkeit“.

Diese neuen Wörter sollen die Probleme des Unternehmens lösen, werden aber trotzdem wie die bisherigen Konzepte und Prozesse des Unternehmens behandelt. Es wird Flexibilität gewünscht und angestrebt, aber dennoch geplant. Risiko ja, gerne, aber bitte kalkulierbar. Mit viel Humor und Selbstreflexion zeigen die beiden Autoren in ihrem Essay, dass der Bullshit-Sprech im Unternehmensalltag den Nicht-Erfolg der augenscheinlich gewünschten Veränderungen erklärt.

Insgesamt demonstrieren alle Essays des Kursbuchs, wie Bullshit-Sprech funktioniert und wie er erkannt werden kann. Besonders interessant ist dabei die Betrachtung des Themas aus sehr unterschiedlichen Perspektiven, von denen die hier drei dargestellten Essays nur eine Auswahl bieten. Ich kann dieses Buch allen empfehlen, die erfahren und wissen wollen, warum und wo Bullshit-Sprech angewandt wird. Weitere Informationen zum Kursbuch 191 und Textauszüge der einzelnen Essays findet ihr hier.

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