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campusLEBEN — 24 Juli 2011

Dienstausweis an der Kasse vorzeigenSimple Beobachtungen über Menschen, Mensen und Mandelschokoladeneis. Von Nathalie Wiechers

11.45 Uhr, der Magen knurrt. Nach zwei langwierigen Vorlesungen drängt es den einen oder anderen wie jeden Wochentag in die Mensa. Der Kopf scheint zu diesem Zeitpunkt bei vielen nur noch einen Gedanken zu kennen: Essen! Was sonst könnte die dicht an dicht stehende Atomsphäre und das Drängeln erklären?! Mehrere Hindernisse gilt es zu überwinden, neben dem Verteidigen der Position in der Warteschlange muss der Hunger sich außerdem zwischen den zahlreichen Gerichten, neuerdings erfreulicherweise sogar auf ökologisch und ethisch verträglicher Basis, entscheiden. Schwierig. Salzkartoffeln oder doch Kroketten? Wen hat diese Auswahl nicht schon einmal vor ein nahezu apokalyptisches Dilemma/Drama gestellt? Und wenn dann noch der Hintermann oder die Hinterfrau drängelt, kann schnell die Salzkartoffel gewählt sein, obwohl man doch eigentlich die knusprige Krokette favorisiert hatte. Mist. Die Männer und Frauen auf der anderen Seite sind doch flinker, als man denkt. Einem bleibt allerhöchstens noch die Wahl zwischen einer Quark-, Joghurt-, Milchspeise, einer Banane oder auch (in allerleisester Hoffnung) einem Eis am Stiel als Dessert. Doch nun kommt das, was in der Campus-Atmosphäre beim ein oder anderen schon zu haarspalterischen Unstimmigkeiten geführt hat. Das Zahlen an der Kasse.

Immer häufiger war in belauschten Nachbartischgesprächen in letzter Zeit von „unfreundlichem Personal“ die Rede, das sich vor allem am Schalter der Mensakasse verbarrikadiert/etabliert zu haben scheint. Grantige Äußerungen wie „Jetzt noch nicht die Karte vom Lesegerät nehmen“, „der Nächste“ (ohne bitte!) und die dauernd vorherrschende Ungeduld (eigentlich auf beiden Seiten: Studierende und Mensapersonal), mit der man konfrontiert wird, wenn man sich nicht augenblicklich nach dem Zahlvorgang in Luft auflöst, haben zur Beobachtung und zum Studium der vorliegenden Situation angeregt. Es scheint doch immer mehr so zu sein, als wären langsam aber sicher alle ferienreif.

Aber liegt die vorherrschende kritische und drückende Stimmung zwischen Studierende und den Beschäftigten der Mensa tatsächlich an größerer Lust auf Sommer, Freibad und Fernfliegermeilen anstatt auf Germklöße mit Vanillesauce? Oder ist die Ursache des sich anscheinend aufbrodelnden Konfliktes in einem anderen Kontext zu suchen?

Es hilft ja nichts, man muss den Selbstversuch wagen, um für seine empirischen Experimente handfeste Beweise zu finden! Die direkte Konfrontation zwischen den Kontrahent_innen muss gesucht werden, um die Theorie auch in der Praxis zumindest an einem Fallbeispiel zu überprüfen.

Zunächst beobachten. Student A tritt an die Kasse, gewählt wurde Mensaangebot 3: Lachs in Zitronen-Butter-Sauce mit den bereits als knusprig charakterisierten Kroketten, dazu ein Mandelschokoladeneis am Stiel. In seiner Hand ein Smartphone, in seinem Kopf die Lernzusammenfassung für die kommende Klausur und auf seinen Lippen flattert ein Gespräch mit Kommiliton_innen vier Reihen hinter ihm. Der Student vertieft in Smartphone-App und angeregtes Gespräch, nimmt keine Notiz vom Kassenpersonal und verpasst den manchmal beinahe nahtlosen Übergang am Kassenschalter mit dem Auflegen der PUCK-Karte. Verzögerung im Betriebsablauf, die Kassiererin delegiert „2,50 Euro!“. Überrascht, jedoch schwungvoll, klatscht die PUCK mit der freien Hand auf das Lesegerät. Ohne auch nur ein einziges weiteres Wort zwischen Student A und der Kassiererin trennen sich beider Wege, der eine bewaffnet mit Messer und Gabel, die andere irgendwie einfach ignoriert.

Student B tritt an die Kasse, auf dem Tablett Mensaangebot 1: eine Portion Milchreis und eine gelbe Banane. Als Student B an der Reihe ist, beginnt er die Interaktion mit einer lockeren Grußformel, sein Gegenpart an der Kasse erwidert dies ohne Umschweife und die PUCK findet schnell ihren Platz auf der Kassenabbuchungsstation. Kaum sind die geforderten „1,20 Euro bitte!“ abgehoben, folgt ein letztes „Schönen Tag noch!“ und „Danke gleichfalls!“ und auch hier trennen sich beider Wege, zumindest für diesen Tag.

„Komisch, ist aber so“ würde Peter Lustig der ewig fragende Hauptdarsteller in der Kinderserie „Löwenzahn“ seine Schlussfolgerung zu dieser Beobachtung wohl beginnen. Das „komisch“ bliebe dabei wohl mal einfach so im Raum stehen, das „ist aber so“ könnte wohl für den einen oder anderen eine Basis für Veränderungen, aber vor allem für das Umdenken schaffen.

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