Anzeige

Gesellschaftliches Engagement ist in den Bewerbungsunterlagen immer gern gesehen. Es zeigt Interesse am Gemeinwohl und an gesellschaftlicher Solidarität. Dabei gilt laut Jugendsurvey des Deutschen Jugendinstituts aus dem Jahre 2004: Je höher das Bildungsniveau, desto stärker die Partizipation an Vereinen, Organisationen usw. Warum man sich engagiert und welche prägenden Erfahrungen man sammelt, das erzählt uns Faten El-Dabbas. Von Souher Nassabieh.

Die Sitze im Bärensaal des Alten Stadthauses in Berlin füllen sich immer mehr. Inzwischen ist es so voll, dass die restlichen Zuschauer_innen auf dem Boden sitzen oder sich mit einem Stehplatz begnügen müssen. Heute ist Fatens großer Auftritt. Einem großen Publikum wird sie gleich ihren selbstverfassten Text präsentieren. Dann ist es soweit. Das Herz pocht. Ein letzter Blick in die gesichtslose Masse und es kann beginnen. „Ich bin keine Rechthaberin. Ich nehme mir das Recht, meine Meinung zu sagen, nach Antworten zu fragen, von Missständen zu reden, vielleicht … zum Denken anzuregen. Nein, ich bin keine Rechthaberin.“ Das Publikum applaudiert und Fatens Gesicht strahlt eine zunehmende Sicherheit aus. „Du hattest das Gefühl, nicht mehr von der Bühne runtergehen zu wollen“, so Faten.

Faten beim ,,i,Slam"

Faten beim ,,i,Slam"

Faten ist 21 Jahre alt und kommt ursprünglich aus Palästina. Seit ihrem ersten Lebensjahr lebt sie in Berlin. An der Universität Potsdam studiert sie Politik und Verwaltung und Öffentliches Recht im dritten Fachsemester. „Als ich Abitur gemacht habe, war es mir nicht so klar, dass ich Politik studieren will. Ich habe mich zwar dafür interessiert, auch durch meinen persönlichen Hintergrund, aber ich dachte mir, so gut bin ich nicht für ein Politik-Studium. Schließlich habe ich mich doch überwunden.“
Seit Anfang des Jahres 2011 engagiert sich Faten in JUMA (Jung, Muslimisch, Aktiv), einem Projekt, das muslimischen Jugendlichen eine Stimme geben und sie zu Brückenbauern und Vorbildern machen soll. „Wir wollen unseren Platz in der Gesellschaft verbessern.“ Schon lange schwebte Faten gesellschaftliche Aktivität im Kopf herum, nur wusste sie nicht recht wo und wie. „Meine Bekannte hatte mir damals eine Email geschrieben und gefragt, ob ich nicht Lust hätte, bei JUMA mitzumachen. Dann habe ich sofort ja gesagt. Ich war total überrascht und begeistert, wie groß das Projekt eigentlich ist.“

Am 3. Dezember 2010 fand im Berliner Abgeordnetenhaus die Auftaktveranstaltung von JUMA statt, u.a. mit Innensenator und Schirmherr des Projekts Dr. Erhart Körting und rund 250 jungen Muslim_innen. Es war der Anfang eines großen Projekts. Und tatsächlich stieß es bei den jungen Leuten auf großes Interesse.
Ein Blick durch die Reihen in JUMA zeigt eine Vielfalt an jungen Muslim_innen. Alle sind sie hier vertreten, Sunnit_innen, Schiit_innen, Konvertit_innen, doch eines haben sie gemein: Sie wollen bewegen. Sie wollen mitgestalten und sie wollen gehört werden.

„Mit JUGA (Jung, Gläubig, Aktiv) habe ich angefangen“ erzählt Faten rückblickend. JUGA ist eine der Teilgruppen innerhalb von JUMA. Die Gruppen sind nach Themenschwerpunkten geordnet, so gibt es u.a. die Gruppe für den interreligiösen Dialog, für den politischen Diskurs oder die Medien-Gruppe. In diesen kleineren Gruppen treffen sich schließlich die Teilnehmer_innen und arbeiten Projekte aus, die sie politischen Entscheidungsträger_innen, Medienvertreter_innen und anderen wichtigen Gruppen in unterschiedlicher Weise vorstellen. Der Fantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt.
Gerne erinnert sich da sich Faten an ihr erstes großes Projekt bei JUGA: „Wir hatten gleich am Anfang ein Riesen-Projekt. Das Thema war der 11. September. Wir haben einen Turm gebaut aus Kisten, die Kinder aus Jugendclubs und Schulen bemalt haben mit ihren Wünschen, Hoffnungen, dem was sie unter Frieden verstehen oder Religion, Toleranz. Und dieser Turm sollte symbolisch dastehen für den Wiederaufbau und nicht für den 11. September nur als Anlass für Trauer und Pessimismus. Wir wollten mit dem Turmaufbau das Gegenteil bewirken. Und zwar Optimismus für die Zukunft.“

Gruppenbild vor dem Turm am Berliner Hauptbahnhof

Gruppenbild vor dem Turm am Berliner Hauptbahnhof

Einer der Höhepunkte war für Faten das Treffen mit dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit am Roten Rathaus am Tag des 11. Septembers. „Es war die ganze Zeit eine Trauerstimmung und dann waren wir dran. Wir haben unseren Song „Sweet Coexistence“ vorgestellt. Wir waren die ersten, bei denen dann alle geklatscht haben und am Ende der Veranstaltung haben wir ein Foto gemacht mit Klaus Wowereit und dem US-Botschafter. Und der US-Botschafter war begeistert von uns und fand es schön, dass sich hier etwas gegründet hat, das so viel positive Ausstrahlung hat.“

Erst kürzlich hat Faten auch am i,Slam teilgenommen. Was der i,Slam ist?
Der i,Slam ist ein Poetry Slam, wörtlich übersetzt eine „Dichterschlacht“, in denen Teilnehmer_innen die Möglichkeit gegeben wird, ihre Geschichten, Gefühle und Gedanken einem breiten Publikum vorzustellen, ganz gleich ob in Form eines Gedichts, eines Raps oder als Dialog.
Das „i“ steht dabei für Islam. Der i,Slam ist also ein Poetry Slam aus der Perspektive von Muslim_innen.
Ursprünglich hatte Faten nicht vor, daran teilzunehmen. „Ich schreibe selbst schon sehr lange Texte, aber ich habe sie nie veröffentlicht. Ich hab dann davon gehört und ich fand, dass es eine sehr gute Idee ist, aber ich war mir nicht so sicher, ob ich da mitmachen will. Ich hab dann einfach einen Text geschrieben und den ihnen geschickt und mich nicht mehr gemeldet. Danach wollte ich nur als Zuschauerin hingehen mit einigen Freund_innen. Dann haben sie sich aber wieder bei mir gemeldet und gesagt, sie fanden meinen Text so gut.“ Faten erzählt in ihrem Text über in ihren Augen vermeintliche Gleichberechtigung, die im Gesetz, aber nicht in der Praxis zu finden ist, über Sachen, die ihr nicht gefallen, aber in der Gesellschaft verankert sind. Sie möchte eine Stimme haben und sie möchte gehört werden.

Genau wie Faten gibt es viele junge Erwachsene, die gesellschaftlich aktiv sind und ein Gefühl, einen Gedanken, eine Geschichte erzählen möchten.
Gesellschaftliches Engagement ist aber nicht nur der Gemeinschaft förderlich, sondern auch dem eigenen Ich. Es bereichert an wertvoller Erfahrung und an wertvollen Kontakten. „Man lernt viele Leute kennen und hat Kontakte für später, man wird unterstützt und einem werden neue Zugänge und Perspektiven eröffnet“, erzählt Faten. Gesellschaftliches Engagement fördert und fordert. Es dient der Gesellschaft und ist zugleich eine Investition in die eigene Zukunft. Für den einen mag ersteres gewichtiger sein, für den anderen letzteres. Das aber bleibt jedem selbst überlassen.

Share

About Author

admin

(0) Readers Comments

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.