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campusPOLITIK Ganz vorn — 22 Februar 2015
Bis der Studiengang geboren ist, bleibt es ein langer und mühsamer Weg. (Bild: S. Kobold - Fotolia.com)

Bis der Studiengang geboren ist, bleibt es ein langer und mühsamer Weg. (Bild: S. Kobold – Fotolia.com)

Der Bologna-Prozess sollte ein europaweites Studieren ermöglichen und die Studiensituation vereinfachen. Viele Studis von heute wissen, dass das nur bedingt gelungen ist. Auch Lehrende stellt er vor Herausforderungen. Beispielsweise dann, wenn sie einen Studiengang an die Uni bringen wollen. Hier erwartet sie ein Marathon, der es in sich und mit Wissenschaftlichkeit teilweise nicht viel am Hut hat. Von Fabian Lamster.

Und am Anfang war: die Idee

Damit ein Studiengang entsteht, sind unterschiedliche inner- wie außeruniversitäre Faktoren notwendig. Am Anfang können Rückmeldungen von Fachbereichen, Auswertungen von Lehrevaluationen und Befragungen von Studierenden einen ersten Aufschluss darüber geben, welche Wissenschaftsdisziplinen gefragt sind. Zur Umsetzung braucht es hier außerdem, wie überall in Wissenschaft und Forschung, eine Idee, eine Vision, derer sich ein_e Expert_in oder ein Expert_innen-Team annimmt.

Welche relevanten Inhalte gibt es, wie lassen sie sich aufteilen?

Die Lehrenden überlegen anschließend, welche inhaltliche Tiefe und Breite möglich ist,  in welche Themengebiete sich der Studiengang aufteilen lässt. Besonders wichtig hierbei: Welche Qualifikationen sind notwendig, welche Kompetenzen können/sollen vermittelt werden? So lassen sich im Idealfall unterschiedliche Studienmodule anlegen, in denen sich die zu vermittelnden Kompetenzen gruppieren lassen.

Innerhalb der Module wiederum gilt es zu überlegen, in welchen Lehrformen sich die Inhalte am besten präsentieren lassen: In (Block-)Seminaren, Vorlesungen oder Tutorien? Darüber hinaus sind interdisziplinäre Bezüge zu beachten, da das Fachgebiet möglicherweise auf Inhalte anderer Wissenschaftsdisziplinen aufbaut oder zurückgreift. Die Formen der Leistungsnachweise müssen ebenso vorbereitet und festgelegt werden.

Kompetente Mitarbeiter_innen gewinnen

Stehen die Kernmodule mit ihren Inhalten und Qualifikationszielen fest, muss man sich kompetente wie motivierte Expert_innen für die Module ins Boot holen. Zusammen mit ihnen gründet, führt und leitet man den Studiengang. Zudem formen sie, je nach Forschungsschwerpunkten, die Module aus und suchen die wiederum dafür notwendigen Lehrkräfte. Sie müssen/sollten hier die für die Studieninhalte passende Balance zwischen Wissenschaft und Wirtschaft, zwischen Theorie und Praxis, kennen und finden.

Erste Prüfung durch die Uni und Konzeptausbau

Das erarbeitete Studiengangskonzept geht dann in die Fachbereichs- oder Fakultätsverwaltung sowie das Präsidium der Uni, die nach Perspektivgesprächen darüber entscheiden, ob der Studiengang eine Zukunft hat. Welche Kritierien hier konkret zu einem „Ja“ oder „Nein“ führen, ist nicht öffentlich bekannt und teilweise vielleicht subjektiver, als man denkt.

Gibt es hier grünes Licht, heißt es als Nächstes: Studien-, Prüfungs- und Zulassungsordnungen erstellen. Die Pflicht und Herausforderung besteht darin, einerseits auf dem aktuellen Forschungsstand aufzubauen, und andererseits die Vergangenheit und Zukunftsperspektiven aufzuzeigen – immer mit dem Ziel, wissenschaftliche Kompetenzen fachlich und methodisch an internationalen Standards aufzubereiten und im Lehrplan strukturiert festzuhalten.

Akkreditierung und Studiengangs-Marketing

Ist dieser Schritt bewältigt, steht die finale Prüfung des Studiengangs an. Es erfolgt eine weitere kapazitäre Prüfung seitens der Universität, die prüft, ob der Studiengang mit dem vorhandenen wissenschaftlichen Personal geführt (und bezahlt) werden kann. Außerdem steht ein Akkreditierungsprozess bevor. Eine Akkreditierungsagentur wie ACQUIN prüft sämtliche relevanten Dokumente zum Preis von ca. 13.000 Euro, besichtigt den Studienort und erstellt ein Akkreditierungsgutachten, das darüber entscheidet, ob der Studiengang eine staatliche Genehmigung erhält.

Sind alle Formalien erfüllt, sollte man sich auf das Studiengangs-Marketing konzentrieren. Durch gezielte Öffentlichkeitsarbeit geht es darum, die Studis (wie bei einem neuen Werbeprodukt) auf den Studiengang aufmerksam zu machen. Denn schreibt sich trotz aller wissenschaftlicher Relevanz kein Studi für den Studiengang ein, können sich die Bemühungen mehrerer Monate und Jahre nicht auszahlen – und das Projekt scheitert. Statt des wissenschaftlichen Anspruchs geht es hier eher darum, was gerade „hip“ und „gefragt“ ist, welche Themen die Studis von heute bewegen. Naheliegend, dass Akkreditierung und Marketing viel Geld kosten, das genauso in die Optimierung der Studienbedingungen fließen könnte (und hier eigentlich notwendiger erscheint).

Neuer Studiengang an der Universität Potsdam

Was die Lehrenden beachten müssen, um „mal eben“ einen Studiengang an der Uni Potsdam (UP) zu eröffnen, erfährt man aus der Prozesslandkarte auf der Uni-Homepage (tinyurl.com/prozesslandkarte-up). So oder so sollte deutlich geworden sein, welcher finanzielle, organisatorische und wissenschaftliche Aufwand hinter den Studiengängen steckt, für die man sich als Student_in manchmal innerhalb weniger Minuten bewirbt.

Zwischen erster Idee und Start des Studiengangs vergehen oft Jahre, um das Projekt erfolgreich zu beginnen. Das gelingt an der UP zuletzt beispielsweise dem Masterstudiengang Cognitive Systems: Language, Learning and Reasoning, der zum Wintersemester 2014/15 an den Start ging und eine „einzigartige Kombination von Computerlinguistik, künstlicher Intelligenz und maschinellem Lernen“ verspricht. Er beweist, dass es noch möglich ist, originelle Studiengänge zu entwickeln. Und das in Zeiten, in denen der wissenschaftliche Anspruch bei über 17.500 Studienangeboten allein in Deutschland gefühlt immer mehr in den Hintergrund rückt. Dem Bologna-Prozess sei Dank.

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