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Felix Ackermann (links) und Prof. Dr. Gesine Schwan (rechts) im Dialog. Foto: Julia Hennig

Budapest, Sankt Petersburg und Wilna liegen für viele Studierende in Deutschland nicht im Mittelpunkt ihres Blickfeldes. Dennoch standen diese drei Städte im Fokus des Vortrages am 11. Dezember im Einstein Forum in Potsdam, da die akademische Freiheit der europäischen Universitäten in den genannten Städten aktuell stark bedroht ist. Felix Ackermann, der selbst von 2011 bis 2016 an der Europäischen Humanistischen Universität (EHU) in Wilna lehrte, analysierte in seinem Vortrag die Situation der europäischen Universitäten. Von Julia Hennig.

Frau Prof. Dr. Gesine Schwan charakterisierte in ihrer einleitenden Begrüßung Felix Ackermann als “eigenwillige Persönlichkeit”, der seinen eigenen Weg gehe und selbst denke. Beide hatten sich an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) kennengelernt, der Schwan von 1999 bis 2008 als Präsidentin vorstand. Felix Ackermann studierte dort Kulturwissenschaften, Geschichte und Politologie und promovierte bei Karl Schlögel über Stadtraum und Ethnizität  in der heute belarussischen Stadt Grodno. Nach seiner Zeit an der EHU in Wilna hat er am Deutschen Historischen Institut (DHI) in Warschau ein Forschungsprojekt zur Geschichte des Strafvollzugs im geteilten Polen-Litauen begonnen.

Wie gründet man eine europäische Universität?

Alle drei europäischen Universitäten entstanden Anfang der 1990er Jahre im Zuge der Demokratisierung ihrer Länder. Die Europäische Humanistische Universität wurde von dem Philosoph Anatoli Michailow im Jahre 1992 in Minsk gegründet, um durch die Lehre an acht Fakultäten inklusive einer französischsprachigen Politologie und einer deutschsprachigen Philosophie die belarussische Demokratie zu fördern. Die Europäische Universität in St. Petersburg wurde als Brücke zwischen Forschung und Lehre gegründet und startete im Jahre 1995 mit dem Lehrbetrieb. Im Jahre 2007 wurde sie in eine Stifteruniversität umgewandelt, wobei der Hauptteil des Kapitals nun von nicht offiziell genannten russischen Unternehmern kam. Die Central European University (CEU) in Budapest wurde im Jahr 1991 von Wissenschaftlern aus ganz Mitteleuropa zur Demokratieförderung gegründet. Formell handelt es sich dabei um eine amerikanische Universität mit Registrierung in New York, die zudem als Privathochschule in Ungarn akkreditiert ist. Gemeinsam ist allen Hochschulen, dass sie nach dem Ende der Sowjetunion zur Demokratieförderung und für einen Austausch zwischen Ost und West gegründet wurden. Von Anfang an konnten sie jedoch nur durch die Förderung von privaten Stifter*innen bestehen.

Wie schließt man eine europäische Universität?

Felix Ackermann gibt hierauf eine schlichte Antwort: “mit einem Verwaltungsakt”. Anhand seiner Ausführungen wird hierbei deutlich, dass für die Schließung europäischer Universitäten kein direkter Erlass angeordnet wurde. Vielmehr wurde dies in Wilna und St. Petersburg durch die Kündigung von Mietverträgen wegen offiziellen Mängeln an Gebäuden durchgesetzt. Trauriges Vorbild hierfür war die Schließung der Europäischen Universität in Minsk, deren Mietvertrag gekündigt wurde, um einen neuen vom Staat unterstützten Rektor einzusetzen. Dies mündete schließlich in dem Umzug der Hochschule ins litauische Exil, wo sie 2006 in Wilna mit der Förderung vor allem europäischer Unterstützer akkreditiert wurde. In Ungarn wurde hingegen im Frühjahr 2017 ein eigens geschriebenes Gesetz erlassen, das sich implizit gegen die CEU richtet. Ein Abkommen zwischen dem Staat New York und der ungarischen Regierung könnte diese Gesetzeslücke schließen, jedoch wurde der Termin für die Prüfung des ausländischen Campus durch die ungarische Regierung um ein Jahr verschoben.

Bedrohung der europäischen Universitäten

Ackermann charakterisiert die europäischen Universitäten als Orte autonomen Denkens, die dadurch dem Denken und der Praxis ihrer Staaten widersprechen. Ihre Unabhängigkeit durch ihre starke europäische Vernetzung werde in ihren Ländern von Gegnern jedoch als Zeichen mangelnden Patriotismus verstanden.  Neben äußeren Bedrohungen schildert der Redner aus seiner Erfahrung an der EHU in Wilna auch die Bedrohung von innen heraus. Dort kam es in Folge mehrerer Probleme schließlich im Jahre 2014 zu einer offenen Auseinandersetzung zwischen Lehrenden und der Leitung der EHU. Dabei offenbarte sich schon im Herbst 2013 durch die verzögerte Vergabe von Lehraufträgen eine große Problematik: Durch die entstandene Lücke arbeiteten Lehrende in der Zwischenzeit ohne einen offiziellen Auftrag und somit illegal. Dazu kam, dass sie seit 2006 keine Steuern gezahlt hatten und auch nicht sozialversichert waren.

Daher trat der Senat in der Öffentlichkeit für die Rechte der Wissenschaftler*innen ein, als Interessensvertretung wurde zudem im Jahre 2014 die Gewerkschaft EHUnion gegründet. Die EHU reagierte mit der Einstellung eines Amerikaners als Kanzler und dem Erlass eines neuen Statuts. Der Konflikt spitzte sich schließlich mit dem Aufruf des Senats zum Streik zu, dem die Kündigung der Senatsvorsitzenden und im Zuge einer Neuausschreibung der Stellen schließlich die Kündigung fast aller Protestierenden folgte. Das Beispiel der EHU, das neben der äußeren ebenso für die innere Bedrohung stehe, zeige nach Ackermann, dass die Voraussetzung für eine akademische Autonomie ein gegenseitiges Vertrauen sei.

Universitäten als Spiegel der Gesellschaft

Buchcover “Mein litauischer Führerschein” von Felix Ackermann. Foto: Suhrkamp Verlag

In der anschließenden Diskussion wurde deutlich, dass die Universitäten letztendlich die gesellschaftlichen Verhältnisse widerspiegeln. Prof. Dr. Gesine Schwan betonte überdies, dass auch die westeuropäischen Hochschulen sich selbst und den Trend zur Ökonomisierung der Lehre, der sich in Rankings niederschlägt, reflektieren müssten. Das spezifisch postsozialistische Problem der europäischen Universitäten liege hingegen in der fehlenden Konflikterfahrung, die die tägliche akademische Praxis prägen. Felix Ackermann beschreibt seine akademischen sowie alltäglichen Erfahrungen anekdotisch in seinem in diesem Jahr erschienen Buch “Mein litauischer Führerschein”. Nach fünf Jahren in Wilna mit seiner Familie hat er zudem seinen Führerschein gemacht und dabei auch die litauische Sprache und Gesellschaft näher kennengelernt.

Alle Interessierten können sich die Aufzeichnung des Vortrags auf der Homepage des Einstein Forums anschauen und im Artikel der Neuen Züricher Zeitung weiterlesen.

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