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FEATVRE 1

FEATVRE kann über eine App sowie über ein Online-Portal genutzt werden. (Quelle: FEATVRE)

Das junge Potsdamer Unternehmen FEATVRE beschreibt sich selber als „Anlaufstelle für die weltweit besten Dokumentationen, Reportagen und Non-Fiction Videos aus den Bereichen Politik, Wissen und Kultur“.
speakUP hat sich mit dem Mitbegründer Dirk Bartels und der Product Managerin Mara Haenler von FEATVRE getroffen und ein interessantes Gespräch über ihre Arbeit, Rundfunkbeiträge und Startups geführt. Von Morris Schulze.

Immer mehr junge Menschen schauen immer weniger Fernsehen. Schuld daran ist neben den oft stumpfen Inhalten das wachsende Angebot an Streaming-Diensten – angefangen bei den Online Mediatheken der „klassischen“ Fernsehsender bis hin zu den internationalen Unternehmen wie Netflix und Amazon. Doch diese Angebote sind oft unübersichtlich und unstrukturiert.

FEATVRE will dieses Problem lösen. In einem Online-Portal und einer App präsentiert die Redaktion von FEATVRE ihre aktuellen Empfehlungen aus über 40 Mediatheken und sortiert diese in unterschiedliche Themengebiete ein. Die Nutzer_innen können sich dann die an ihre Vorlieben angepassten Empfehlungen anzeigen lassen oder selbst das Archiv des Unternehmens durchstöbern.

Was ist die Idee hinter FEATVRE? Worum geht es dabei?

BARTELS: FEATVRE ist vor rund drei Jahren aus der Idee heraus entstanden, das Fernsehen schrecklich sein kann. Es läuft oft etwas total Uninteressantes, es läuft Werbung und das was wirklich interessant ist, erst nachts um 23:30 Uhr. Auf der anderen Seite gibt es aber das riesige und gute Angebot an öffentlich-rechtlichen bis hin zu privaten Mediatheken im Internet. Aber wer hat schon Zeit sich durch 40 Webseiten durchzuwühlen und das zu suchen, was ihn interessiert? Also wenn ich mal Zeit habe, dann möchte ich mich nicht durch 40 Mediatheken wühlen, sondern ich möchte eine Instanz fragen: „Was gibt es da gerade Gutes für mich?“ – und das ist genau die Idee von FEATVRE.

Wie arbeitet die Redaktion von FEATVRE genau?

BARTELS: Das ist ein Workflow, wie man heute so schön sagen würde. Der Prozess, um herauszufinden, was gibt es Neues in den Mediatheken, ist mehr oder weniger komplett automatisiert. Wir bekommen entweder von den Mediatheken die Metadaten, also Titel, Beschreibung, Länge, Verfügbarkeit und all das zugespielt oder wir arbeiten mit Crawlern. Ähnlich wie Google das gesamte Internet durchsucht, so gehen wir durch die Mediatheken, mit denen wir zusammen arbeiten.

Dann haben wir Algorithmen entwickelt, die schauen, ob das für uns interessant ist. Diese Algorithmen haben über die Jahre gelernt, was die Redakteur_innen gut und nicht so gut finden. Wenn wir beispielsweise in der Woche 1000 Beiträge finden, kommen nur 100 in das Archiv von FEATVRE. Dann wurden 800 Beiträge durch die Algorithmen aussortiert und 100 durch die Redaktion.

HAENLER: Wir haben die Empfehlungen der Redaktion wie ein Pyramidensystem aufgebaut. Ganz oben steht die wöchentlich wechselnde TOP 5, bei der wir sagen, das müsst ihr wirklich sehen. Dann hat die Redaktion zu unseren vier Kategorien jeweils Favoriten herausgesucht und schreibt dazu Rezensionen. Ganz unten kommt dann das Archiv, in dem man mit einer Suche zu einem bestimmten Thema alles findet, wofür wir eine Empfehlung ausgesprochen haben. Und das was nicht in das Archiv kommt, genügt dann nicht den qualitativen Ansprüchen der Redaktion.

Plant ihr in Zukunft die Arbeit der Redaktion auch durch eure Nutzer_innen unterstützen zu lassen? Zum Beispiel in Form von Bewertungen und Kommentaren?

BARTELS: Wir hatten das in den Prototypen eingebaut, aber dann wieder rausgenommen. Wir hatten festgestellt, dass Bewertungen bei 100 Nutzer_innen vollkommen sinnlos sind. Dann hast du drei Bewertungen im Monat und das ist schlimmer als gar keine Bewertungen zu haben. Also um wirklich sinnvolles User-Engagement zu haben, brauchst du eine kritische Masse an Nutzer_innen. Deswegen haben wir gesagt, dass wir erst mal sehen wollen, ob unser Versprechen „Bei uns gibt es die besten Dokus, die online verfügbar sind“ wirklich zieht.

Und wenn das zieht, dann können wir ganz viel darauf aufbauen, also zum Beispiel Kommentare und Bewertungen. Im Moment machen wir das aber alles über Facebook. Facebook hat, bei aller Schelte, ganz gute Filter was Hate Speech angeht. Du wirst nicht glauben, was Leute alles posten, wenn du zum Beispiel einen Bericht über Nordkorea oder Erdogan hast. Und das willst du nicht auf deiner eigenen Seite haben.

Mitbegünder Dirk Bartels: “Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist extrem wichtig und mir ist lieber, er ist mit Wasserkopf vorhanden als gar nicht.”  (Quelle: FEATVRE)

Steht ihr in Kontakt mit den verschiedenen Fernsehredaktionen?

HAENLER: Wir haben diverse Kooperationen mit Fernsehsendern. Zum Beispiel sind wir mit dem ZDF, der Deutschen Welle, ARTE und Spiegel TV im Gespräch. Und alle sind natürlich über unsere Arbeit dankbar, weil wir ihnen letztlich kostenlosen Traffic auf die Seiten schicken.

BARTELS: Und vor allem guten Traffic. Der Traffic kommt nicht nur kurz vorbei, sondern bleibt und guckt auch wirklich. Wir bringen die Interessen der Leute mit den Anbieter_innen zusammen und bilden im Prinzip somit eine Art Markplatzfunktion ab.

FEATVRE kauft also keine Rechte ein, sondern leitet die Nutzer_innen weiter auf die Mediathek?

HAENLER: Ja genau! Wir sagen immer: „Wir sind der digitale Programmfinder“. Was zum Beispiel die TV Spielfilm im klassischem TV macht, machen wir für das Streaming im Non-Fiction-Bereich.

Und finanziert wird FEATVRE dann durch personalisierte Werbung?

HAENLER: Zum Einen haben wir Partnerprogramme mit den Sendern, zum Anderen haben wir Werbung. Wir sind auch gerade dabei ein Subskriptionsmodell aufzubauen. Das heißt, du kannst dir für 3€ im Monat ein Abo holen und damit die Arbeit der Redaktion unterstützen und siehst keine Werbung mehr.

BARTELS: Es gibt ja mittlerweile eine ganze Reihe von journalistischen Angeboten, die ein Abo-Modell haben. Das sind die Großen wie New York Times, das Wall Street Journal, der Guardian oder hier in Deutschland zum Beispiel die Welt. Ich verfolge den Guardian sehr und finde, dass sie sehr guten investigativen Journalismus machen und habe da auch ein Abo. Natürlich könnte ich das auch frei nutzen, aber ich denke, sie machen gute Arbeit, also sollen sie auch dafür etwas bekommen. Und so sehen wir das bei FEATVRE auch. Früher haben sich die Leute jede Woche ihre Fernsehzeitung für 2€ am Kiosk geholt. Unser Angebot kostet jetzt 3€ im Monat und das, finden wir, ist nicht allzu viel.

In letzter Zeit wird viel über Rundfunkbeiträge in Deutschland diskutiert. Ihr habt täglich mit dem Content der Rundfunkbeiträge zu tun. Würdet ihr dieses Modell auch kritisieren?

BARTELS: Ich glaube, was kritisiert wird, ist nicht der Rundfunkbeitrag. Was kritisiert wird, das ist der Wasserkopf. 8 Milliarden € sind da und man weiß nicht, im Sinne von Transparenz, was die damit genau machen. Und wir kennen mittlerweile ja auch den einen oder anderen Sender und aus unserer Erfahrung ist die Frage nicht ganz unberechtigt. Aber: Ich habe lange in den USA gelebt und da gibt es kein wirkliches öffentlich-rechtliches Fernsehen. Und das willst du so auch nicht haben. Also das rein kommerzielle Fernsehen ist keine Alternative. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist extrem wichtig und mir ist lieber, er ist mit Wasserkopf vorhanden als gar nicht.

HAENLER: Würden uns die öffentlich-rechtlichen Medien wegfallen, würde FEATVRE die komplette Basis fehlen. Arte macht unglaublich tolle Dokus, ARD und ZDF räumen mit ihren Reportagen Grimme-Preise ab.

Was würdet ihr Studierenden raten, die am Ende ihres Studiums stehen und mit einer Idee ein Unternehmen gründen möchten? Welche Tipps könnt ihr geben?

BARTELS: Man muss erst mal eine Idee haben, für die man selber wirklich brennt und die etwas bewegen kann. Dann muss man sehen, dass die Idee zu vertretbaren Kosten umsetzbar ist und ob es Leute gibt, die das auch wirklich interessiert. Als drittes will man dann die Idee monetarisieren. Also kann ich daraus Umsatz und ein Geschäft machen und nicht nur ein Hobby? Man kann aber nicht umgekehrt anfangen. Ich brauche erst die Nutzer_innen, um überhaupt zu gucken, wie viel Prozent der Nutzer_innen bereit sind, 3€ im Monat zu bezahlen. Dann macht es auch erst Sinn, sich zu fragen, welche Unternehmen bereit wären, auf meiner Website Werbung zu platzieren und wie viel sie dafür bezahlen würden.

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