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campusLEBEN — 08 Oktober 2014
(Foto: lassedesignen - Fotolia)

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„Pflichtmodule hin oder her: Wenn du nicht vollkommen hinter deinem Studium stehst, kein wirkliches Interesse daran hast, dann bringt es dich auch persönlich nicht weiter“ – Das sagte Musiker Michael „Bodenski“ Boden vor einem Jahr in der speakUP: Das Studium ist mehr als Vorbereitung auf den Beruf, es kann zu einem Teil der Persönlichkeit werden. Leichter gesagt als getan. Teil 2 der Serie „Die Lust am Studieren“. Von Vinzenz Lange.

Die Schwierigkeiten beginnen schon nach dem Abitur. Wie Goethes Figur Dr. Faustus blicken wir auf 12 oder 13 Jahre voller Arbeit und Mühe für die Schule, auf unsere umfassende Bildung in vielen Bereichen, Vorlieben und Abneigungen und sind doch so schlau, als wie zuvor. Denn es ist gerade diese umfassende Bildung, die uns zwar viele Türen öffnet und doch den Einstieg in die Berufswelt erschwert. Die große Ironie besteht darin, dass wir umfangreiches Wissen auf mannigfaltigen Gebieten, vielseitige Begabungen und Talente besitzen – aber die Wahl der Möglichkeiten für die Gestaltung unserer Zukunft dadurch entgegen der allgemeinen Meinung nicht einfacher, sondern in der Tat schwieriger geworden ist. Alles ist möglich, nichts aber ist gewiss. Zu allem Überfluss sitzt uns eine leistungsorientierte Gesellschaft im Nacken, die mithilfe eines jahrelangen Zeitplans absolute Effizienz in unser Leben diktiert: Mit 18 Abitur, dann drei Jahre für den Bachelor, zwei für den Master, Berufseinstieg, Familienplanung und dann sollte auch schon bald der Posten in einer Führungsposition kommen. Fehler sollen nicht passieren.

So läuft unser Leben wie ein Zug auf Schienen ohne Möglichkeit, abzubiegen oder sich für eine andere Richtung zu entscheiden. Da die kleinste Zeitverzögerung Unpünktlichkeit bedeutet, müssen wir immer weiterfahren, Hindernisse auf dem Gleis halten nur unnötig auf. Dieser steigende Druck wird zur ständigen Angst vor einem Unglück, denn eins ist gewiss: Alles kommt anders als geplant und mindestens ein Hindernis wird sich uns in den Weg stellen und weil unser Plan Unstimmigkeiten dieser Art nicht vorsieht, drohen ständig Katastrophen. Sie können Beziehungen zerstören, sei es zur Familie, zu einem Lebenspartner oder einer Lebenspartnerin, in jedem Falle aber zu uns selbst und das ist der schlimmste Verlust von allen.

Die Kunst, sich Zeit zu nehmen

Wir sehen hier, dass der wichtigste Faktor, der über das Glücken oder Verunglücken unserer Reise entscheidet, die Zeit ist. Zugleich liegt in ihr aber auch die Lösung des Problems. Wir müssen uns für vieles Zeit nehmen, vor allem aber für uns selbst. Wie bei einer Freundschaft zu anderen Menschen brauchen wir auch viel Zeit dafür, uns selber kennenzulernen, um zu erfahren, wer wir sind und was wir (machen) wollen. All das braucht viele Erfahrungen, die wir manchmal über Jahre hinweg machen müssen. Dafür benötigen wir viel Mut, Verschiedenes auszuprobieren, sei es bei Praktika, unterschiedlichen Studienfächern oder einer Berufsausbildung.

Dabei können wir uns anfangs nie sicher sein, ob das, was wir tun, das Richtige für uns ist. Jederzeit könnte sich das Gefühl einschleichen, eine Fehlentscheidung getroffen zu haben. Hier aber setzt die Kunst des Fehlermachens ein: Wichtig ist dann, den Fehler als einen solchen anzuerkennen. Denn vielleicht wollen wir ihn weder vor unseren Mitmenschen, noch vor uns selbst eingestehen. Auch wenn unsere innere Stimme uns auf den Fehltritt aufmerksam macht, wir überhören sie absichtlich, weil wir oft zu feige sind, einen Fehler zuzugeben oder weil von uns erwartet wird, keinen zu machen. An ungelösten Problemen können wir kaputt gehen. „Ja, ich habe einen Fehler gemacht“, ist einer der schwierigsten aber auch befreiendsten Sätze, die es gibt, legt er doch ein Problem frei, an dem wir arbeiten können.

Hilfe suchen

Sind wir zum Beispiel mit dem Studienfach unglücklich, ist es erst die Einsicht darüber, dass wir unglücklich sind, die uns dazu bewegt, dass wir Kommiliton_innen unseres Vertrauens, die Studien- oder psychologische Beratung oder unsere Familie um Rat fragen.

Vielleicht haben wir auch festgestellt, dass das Studium an sich nichts für uns ist und wir lieber praktisch arbeiten möchten. Dann können Berufsberatungen, Ausbildungsmessen oder Beratungen der jeweiligen Branche helfen. Aber ohne Kommunikation geht gar nichts.

Mit Menschen, die uns kennen und mit uns selbst. Wir müssen fragen: „Was kann ich?“ – und nicht „Was macht mir Spaß?“, denn hier liegt ein wesentlicher Unterschied. Wenn wir nämlich immer etwas studieren oder arbeiten wollen, was uns Vergnügen bereitet, könnte der Spaß aber auch durch geforderte Fähigkeiten geschmälert werden, die uns schwer fallen. Wenn wir zum Beispiel an physikalischen Phänomenen Interesse haben, mag dieses Interesse nicht dafür ausreichen, Physik zu studieren, weil es uns ein hohes mathematisches Wissen abverlangt. Wenn wir dieses Handwerkszeug nicht besitzen, ja nicht einmal Lust dazu haben, komplexe Gleichungen zu lösen, wird es im Studium auch mit der Freude an den Phänomenen vorbei sein. Für die Freizeit mag es ausreichen, für den Broterwerb aber nicht. Dafür müssen wir etwas machen, was wir können.

Ausprobieren

Wenn wir tun, was wir wirklich gut können, also unser größtes Talent ausüben, das wir alle besitzen, dann kommen Spaß und Erfolg von ganz allein. In den seltensten Fällen kommt die Erleuchtung wie ein Blitz von oben. Gegen dieses Vorgehen spricht der Vorwurf, dass wir auf diese Weise ein gemütliches Leben führen, welches wir uns nur dank sozialer Sicherungen in Deutschland leisten können und wie in einem Bücherregal uns mal hier und mal dort etwas herausnehmen, was uns für kurze Zeit gefällt, uns aber nicht zu einer festen Entscheidung drängt. Dieser Vorwurf ist aber einfach falsch und absurd, solange wir wirklich den Willen haben, das richtige Studium oder den richtigen Beruf zu finden. Und von einem Menschen, der von der Sache, die er tut, auch wirklich voll und ganz überzeugt ist, profitiert letztlich auch eine Gesellschaft.

Hinterher sind wir schlauer

Es ist unser Leben und sind unsere Fehler. Beides kann uns niemand abnehmen, beides müssen wir selber machen, denn oft wissen wir erst hinterher, dass wir einen Fehler gemacht haben. Getreu dem Motto: „Wir sind immer erst hinterher schlauer.“ Erfahrungen müssen immer erst gemacht werden, auch wenn wir glauben mögen, dass wir uns durch angewandtes Wissen davor bewahren könnten. So trivial das sein mag, muss auch diese Erfahrung erst gemacht werden, um zu wissen, was ich meine. Wenn wir also einen Fehler dafür nutzen, etwas daraus über uns selbst zu lernen, kann uns niemand vorwerfen, unmotiviert, faul oder gar ein Sozialschmarotzer zu sein. Fehler und Irrtümer liegen immer auf dem Weg zur Erkenntnis. Sie sind die Weichen zu neuen Möglichkeiten und Perspektiven, die wir bei einer zu schnellen Fahrt vielleicht übersehen. Erst wenn wir uns die Zeit nehmen, sie zu nutzen kann die Fahrt ohne Entgleisungen in ein neues Land führen. Am Ziel steht ein Studium oder eine Ausbildung, die nicht nur zu uns passt, sondern uns widerspiegelt, weil wir auch uns selbst, das heißt unsere besten Fähigkeiten einbringen. Damit wird auch möglich, was Künstler Boden forderte, nämlich dass wir hinter unserer Tätigkeit stehen können, weil wir wissen, dass sie die richtige für uns ist. Damit lernen wir nicht nur für die Berufswelt, sondern sammeln wissen, das unsere gesamte Persönlichkeit bereichert und sie zur Entfaltung bringt. Gute Fahrt!

Teil 1 der Serie verpasst? Dann hier weiterlesen: Was wir uns schuldig sind

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