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König Pilsener. Foto: Maria Dietel

Habe ich die Verwandtschaft vernachlässigt? Wer zum Studieren die Heimat verlässt oder wessen Verwandte weit entfernt leben, wird sich nicht selten wundern, wie ein Jahr Abwesenheit auch die engsten Beziehungen in Turbulenzen stürzen kann. Von Silvio Divinorum.*

Ich warte fünf Minuten vergeblich darauf, dass sich das Chaos der Aussteigenden auf dem Duisburger Hauptbahnhof auflöst. Dann erblicke ich in der Menge das gebräunte Gesicht meines Onkels. Er kommt quasi direkt aus der mallorquinischen Sonne, die er seit Antritt seiner Rente in regelmäßigeren Abständen genießt. Aus dem großzügig geknöpftem Hemdkragen stehlen sich einige ausgeblichene Brusthaare, die Augen sind gespannt auf den Neffen gerichtet. Wir umarmen uns zaghaft. Ich habe die Verwandtschaft lange nicht besucht. Ein Jahr mindestens. Eher anderthalb. Ein Zeitraum indem im Deutschen sowohl das Beste als auch das Schlechteste zum Vorschein gekommen ist. Ein Zeitraum, indem ich mich von einem durch die Welt tingelnden, tagträumenden Post-Abiturienten zu einem durchschnittlichen deutschen Studenten entwickelt habe, der zu allem eine Meinung hat. Dieser Besuch könnte die Grenzen der Familienbande ausreizen oder gar neu definieren. Denn was ich in den drei, vier Jahren seit Ende meiner Schulzeit erlebt habe, hat mich der Familie ideell nicht unbedingt näher gebracht. Wir laufen über den Bahnhofsparkplatz zum Auto meines Onkels, einem neuen Sportwagen. Abschiedsgeschenk des Betriebs, sozusagen. Er klopft mir auf die Schulter: „Na Ulligen, dat iess schön dich ma wieder zu sehn.“

Der Dialekt: Wurmfortsatz der eigenen Identität

Der Ruhrpott-Slang geht mir zu Herzen. Man könnte eine Erzählung mit: „Iech sach, Ulligen, hab iech gesacht…“ beginnen oder seinem Unverständnis Ausdruck verleihen mit: „Samma bissu bekloppt?!“. Meine eigenen Fertigkeiten in dieser Mundart sind begrenzt. Ich würde nicht einmal für die Dauer eines Gespräches über das Fließband einer Supermarktkasse hinweg den authentischen Eindruck eines Duisburgers vermitteln. Und doch ist dieser Dialekt ein kleines, aber hervorstechendes Fragment im Kaleidoskop meiner Persönlichkeit – wenn man so will: der Wurmfortsatz meiner Identität. Wann immer ich dat höre dat jemant so sprechen tut, empfinde ich ein unerklärliches Gefühl von Verbundenheit. Obwohl in Berlin aufgewachsen, sprach ich noch etwa bis zu meinem zwölften Lebensjahr, wenn ein „R“ auf ein „I“ folgte, ein langgezogenes „Iah“ („Gehiahn“, „Geschiah“, „Beziahk“). Eine phonetische Anomalie, die einige meiner Berliner Freunde zu derartigen Sticheleien motivierte, dass ich nachgab und heute das knappe hochdeutsche „i“ ausspreche. Seit damals birgt meine Sprache keinerlei Hinweise mehr auf meine Wurzeln. Vor kurzem hielt man mich sogar für aus dem „Raum Hannover“ stammend. Und es gibt Momente, in denen sage ich mir: “Man, Ulligen, wie wär‘ dat schön wenne noch so’n biess-chen Pott sprechen tun wür-dest.“

„Dat gute an den Ding iess, datte da keine Tüaken triffst.“

Auf dem Weg zum Wohnort meines Onkels, über Duisburgs Nord-Süd-Achse, nimmt das Gespräch Wendungen, die die Komfortzone wertneutraler Themen beunruhigend weit ausreizt. Ein Bekannter hat uns in eine Sishabar eingeladen. Shishabar. Das ist eine Vokabel, die unser Gesprächsthema gefährlich nahe in die Assoziations-Reichweite rechter Lieblingsthemen rückt. Mein Unterbewusstsein versendet ein vergebliches Alarmsignal an mein Über-Ich. Zu spät. „Dat gute an den Ding iess, datte da keine Tüaken trieffst. Die lassense da nich rein.“ Ich würde mich nicht als hypersensitiv beschreiben. Trotzdem treibt es mir bei dieser Äußerung die Schamesröte ins Gesicht. Auf die Frage, was er genau damit meine, folgt eine Reihe bekannter Bilder über die Spendierfreudigkeit südländischer Väter gegenüber den Hinterteilen ihrer Söhne und deren aggressiven Naturells. Selbstverständlich eine Einschätzung auf Grundlage persönlicher Erfahrungen. Ich habe die Möglichkeiten a) sofortige, entschiedene Verurteilung, b) zaghafte Gegendarstellung, c) lachen, d) Verweis auf die Lieblichkeit des zementgrauen Industriepanoramas, das jetzt gerade am Autofenster vorbezieht – und entscheide mich für eine halbgare Mischung aus b) und d). Die Vorstellung auszurasten und mittels eines flammenden Plädoyers die Pauschalverurteilung türkischstämmiger Deutscher scharf zurückzuweisen ist zwar romantisch, aber im Konfliktfall stellt sich die eigene Meinung oft doch eher als verinnerlichter Glaubenssatz, denn als argumentativ solide untermauerter Standpunkt heraus. Am Ende entscheiden wir uns gegen den Orient. Dafür versuchen wir es mit einer deutschen Fantasie von Fernöstlichkeit.

Zeche Consol Gelsenkirchen Foto: Fotolia luna1904

Region mit Zukunftsängsten.

Meine ganze Familie stammt aus Duisburg. Ein Teil davon lebt noch immer hier, in Walsum. Der Bezirk an der Nordspitze Duisburgs umfasst etwa die Fläche Kreuzberg-Friedrichshains bei lediglich einem Fünftel seiner Einwohner. Seine westliche Begrenzung bildet der Rhein, der von Süden kommend Duisburg durchfließt und seinen Weg in die Niederlande fortsetzt, wo er ihn die Nordsee münden wird. Von hier aus ist es nicht mehr weit bis in die großen Seehäfen Rotterdams und Amsterdams. Fristete Walsum über Jahrhunderte noch ein Dasein als 100-Seelen-und-1-Hund-Kaff auf bäuerlich-landwirtschaftlicher Grundlage, so steht seine Entwicklung ab Ende des 19. Jahrhunderts ganz im Zeichen des Auf- und Abstieg des Ruhrgebiets: Industrieller Aufschwung, Blütezeit der Steinkohleindustrie, rasanter Bevölkerungsanstieg innerhalb weniger Jahrzehnte, dann Kohlekrise, Strukturwandel und eine – zu Beginn des 21. Jahrhunderts noch immer – ungewisse Zukunft. Die schafft Unsicherheit vor allem bei denen, die die Heimat noch aus Zeiten kennen, in denen die Kohlekraftwerke allmorgendlich Vaters beste Hemden auf der Wäscheleine über dem Balkon in wertlose Küchenlappen verwandelten. Eine Zeit, in der das Ruhrgebiet die, tiefschwarze Rauchschwaden ausstoßende, Lunge der deutschen Schwerindustrie war.

Der Nachbar hat immer die beste Statistik

Zwischen apathisch blubbernden Koifischen und kleinen, in Kranichform geschnitzen Kohlrabiknollen mit Chilli-Schoten-Schnäbeln begrüßen sich der chinesische Wirt und mein Onkel herzlich. Er besucht das Restaurant seit den Neunzigern. Man versteht sich gut. Der Wirt reicht uns die Speisekarte und spricht mit märchenhaft-schöner Mischung aus chinesischem Akzent und Ruhrpott-Dialekt einige Empfehlung aus. Während dem Essen setzt sich der im Auto unterdrückte Gesprächsfaden erneut durch. Diesmal geht es um Rumänen, die der Gemeinde Unfrieden stiften. Ein befreundeter Müllmann würde sich seit Monaten seinen Chefs gegenüber weigern in die mehrheitlich von Rumänischen Auswanderern besiedelten Gebiete zu fahren. „Die schmeißen ihrn Müll einfach aussm Fenster!“. Überhaupt sei er gegen die EU – Osterweiterung gewesen. Ein anderer Freund, ein Polizist, hätte von steigender Verrohung bei Überfällen zu berichten gewusst. Damals seien Konflikte allenfalls mit Fäusten ausgetragen worden, erklärt mein Onkel. Heute müssten 13-jährige für ein Handy sterben. Und der müsse es ja wissen. Er sei schließlich immer vor Ort. Ich versuche es mit der Problematik von Einzelfällen und selektiver Wahrnehmung. Granit. „Du kannst doch niech nur den Statistiken glauben, Jung!“ Schließlich landet das Gespräch zielsicher auf politischem Terrain. Zum Zeitpunkt meines Aufenthaltes stehen die Landtagswahlen Nordrhein-Westfalens kurz bevor. Die Frage, die mir unangenehm auf der Seele brennt, muss sich Luft machen: „Was sagst du zur Entwicklung der AfD?“ Mein Onkel führt eine Handbewegung aus, als würde er eine lästige Fliege aus seinem Gesicht scheuchen. „Dat sinnen Haufen Beklopptn!“

Zwischen KöPi und Hämorrhoiden.

Szenenwechsel. Das Clubhaus des Schützenvereins meines Onkels versammelt allfreitaglich seine männlichen Mitglieder zum gemütlichen Beisammensein. Die Belegschaft bietet dem Neuankömmling eine reizvolle Demonstration der verschiedenen Abstufungen der Farbe Rot: Von rauschbedingt geröteten Bäckchen bis hin zur purpurroten Glatze sind alle Nuancen vertreten. Und Schnauzer überall! Die Szenerie wirkt beinahe wie ein Wettbewerb um die schönste Oberlippenbehaarung. Der klassische Schnörres ist da, der Gezwirbelte und sogar der Hulk-Hogan-Gedächtnis-Schnauzer. Alles ist in Harmonie vereint durch König Pilsner, KöPi, dem Bier des kleinen Mannes des Ruhrgebiets. Um mich herum diskutiert man Fußball, Titten und Hämorrhoiden. Ich fühle mich selbst nach dem dritten Wacholderschnaps wie ein Spießer. Trotzdem versuche ich hier und da in das Gespräch einzusteigen. Irgendjemand fragt mich was ich mache und ich erzähle kleinlaut von meinem Mini – Studiengang. Unter irgendeinem Schnauzer tönt es hervor: „Wat iess dat denn?“. Mein Onkel wohnt in einer Reihenhaussiedlung, die aussieht, als würde es im Grunde keinen Unterschied machen, ob man nach Feierabend die Tür zum eigenen Haus oder dem des Nachbarn aufschließt. Wahrscheinlich passt sogar der Schlüssel. Vom Rollrasen bis hin zum Fußabtreter in Form eines zum Pfotengruß ansetzenden, süßen Kätzchens ist alles mehr oder weniger identisch. Die wichtigsten Orte sind zu Fuß erreichbar. Auch zum Schützenverein sind wir gelaufen. In der angenehm kühlen Frühjahrsnacht haben wir über das Leben geredet. Die Grenzen unserer Gemeinsamkeiten sind zwar rasch erreicht, und doch bergen die Gespräche über die Jugend im Kohlenpott und die gemeinsame Abstammung viel Bedeutung. Bei der Schilderung seiner Jugend in einer typisch westdeutschen Arbeiterfamilie, zwischen Zechen, Hasenbrot und Kneipenschlägereien, legt mein Onkel die Präzision eines Historikers an den Tag. Ich habe das Gefühl, diese Gespräche sind für ihn so etwas wie die Verarbeitung eines erfolgreichen, doch auch entbehrungsreichen Lebens. Für mich sind sie identitätsstiftend.

Der Blick nach vorne: Was hält uns zusammen?

König Pilsener 2. Foto: Maria Dietel

In der Dunkelheit des Gästezimmers direkt unter dem Dachboden denke ich noch eine Weile über den gerade vergangenen Tag nach. Ich frage mich, ob mein Gerede über Neokolonialismus, Wirtschaftssanktionen und grüne Politik ähnliche Zweifel bei meinen Verwandten aufkommen lässt. Vermutlich wäre es vernünftig Themengebiete mit vorhersehbarem Konfliktpotential künftig zu vermeiden. Aber wie trennt man Privates von Politischem? Speisen sich nicht politische Überzeugungen aus den selben Grundwerten, die uns auch im Privaten anleiten? Was bei aller Grübelei feststeht, ist, dass die Beziehung bestehen bleiben muss. Es scheint, als müsse am Ende jede_r selbst entscheiden, zu welchen Zugeständnissen an seine Mitmenschen er_sie bereit ist. Mein Onkel jedenfalls scheint diese Entscheidung bereits getroffen zu haben. Als er mich seinen Kumpels im Club vorstellt, drückt er es so aus: „Den Ulligen iess mein Neffe aus Berlin. Der iess anders. Aber dat iess auch okeh so!“

 

*Name redaktionell geändert

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