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campusONLINE campusPOLITIK — 30 April 2015
Diskutanten Potthas (l.) und Wilkens (r.), dazwischen Moderator Makswitat (Foto: P. Schuld)

Diskutanten Potthas (l.) und Wilkens (r.), dazwischen Moderator Makswitat (Foto: P. Schuld)

Kann Wissenschaft losgelöst von Gesellschaft und Politik betrachtet werden oder ist sie zwangsläufig ein Teil davon? Wer ist für die Verwertung wissenschaftlicher Erkenntnisse verantwortlich? Mit diesen Grundsatzfragen beschäftigte sich am 28. April in Golm die erste von drei Podiumsdiskussionen einer Veranstaltungsreihe der neuen studentischen Initiative stUPs („Students think UP straigt“). Von Peter Schuld.

In der Geschichte gibt es zahlreiche Beispiele für Erfindungen, von denen sich im Nachhinein viele wünschten, sie wären nie gemacht worden, gerade im Bereich der Waffentechnologie. Mitunter bedauerten sogar die Erfinder selbst, eine Entdeckung gemacht zu haben – zumindest teilweise unwissend zum Zeitpunkt der Entdeckung, wofür diese einmal genutzt werden sollte.

Dieser Umstand weist bereits auf eine grundlegende Problematik hin: Von der abstrakten Grundlagenforschung bis hin zur Entwicklung spezifischer Anwendungsmöglichkeiten ist es ein weiter Weg, dessen Verlauf am Anfang bestenfalls wage erahnt werden kann. In unserem heutigen, von komplexen Technologien dominierten Zeitalter, gilt dies mehr als je zuvor. Auch für Studierende, die an der Universität lernen, drängen sich diese Probleme auf. Aber wer ist nun vor diesem Hintergrund inwiefern für die Verwertung wissenschaftlicher Erkenntnisse verantwortlich?

Viele Fragen…

Diese Zusammenhänge verdeutlichen, dass es schwierige Fragen waren, mit denen sich die beiden Diskutanten auf dem Podium am vergangenen Dienstag Abend am Campus Golm beschäftigen mussten. Professor Martin Wilkens (Physiker, Universität Potsdam) sprach sich dafür aus, ethische Fragen möglichst aus der Wissenschaft herauszuhalten. Als „harter Scientist“, wie er sich selbst bezeichnete, setze er sich für eine unabhängige Wissenschaft ein. Würde man alle, die irgendwie an (Grundlagen-) Forschung beteiligt sind, zur Verantwortung ziehen wollen, „verwässert dies die Verantwortlichkeit, sodass schlussendlich niemand verantwortlich ist“.

Während die Wissenschaft – zumindest idealtypisch – „wahres Wissen“ schaffen wolle, sei die Politik an „angewandtem Wissen“ interessiert. Entsprechend müssten die konkreten Entscheidungsträger_innen verantwortlich gemacht werden – je nachdem, wofür sie wissenschaftliche Erkenntnisse nutzten.

Demgegenüber argumentierte Professor Thomas Potthast (Biologie und Philosophie, Universität Tübingen), die Verantwortlichkeit weiter zu fassen. In seinen Augen seien keineswegs nur einzelne Personen verantwortlich zu machen, sondern auch Institutionen an sich. In vielen Fällen sei absehbar, wofür bestimmte Forschungsergebnisse verwendet werden könnten.

Wissenschaftler_innen würden außerdem oftmals ganz bewusst die Relevanz ihrer Forschung hervorheben, um Gelder zu akquirieren: „Wie lässt es sich erklären, dass während der NS-Zeit viele Forscher den praktischen Nutzen ihrer Arbeit betonten, während sie sich nach dem Zweiten Weltkrieg darauf beriefen, nur Grundlagenforschung betrieben zu haben?“ Dementsprechend sahen auch beide Diskutanten eine entscheidende Problematik in der Frage, wer ein_e ‚gute_r‘ Wissenschaftsförderer_in sei: der Staat, die Industrie oder Stiftungen? Und wer soll berechtigt sein, wem welche Vorgaben zu machen?

… wenige Antworten

Eine konkrete Antwort, wie im Einzelnen solchen Zielkonflikten begegnet werden sollte, blieb das Podium dem Publikum – jenseits meist abstrakter Ansätze – leider schuldig. Das lag aber keineswegs an mangelnder Expertise. Es wurden schlicht zu viele Aspekte aufgegriffen, die unmöglich innerhalb einer einzigen Veranstaltung behandelt werden konnten. Folglich ließ die Debatte teilweise einen klaren roten Faden vermissen. Viele interessante Fragen wurden nur kurz angesprochen, ohne wirklich vertieft zu werden.

Ein weiteres Problem war, dass Wilkens und Potthast mitunter nicht weit auseinander lagen. So bekannte Wilkens gleich zu Beginn: „Natürlich ist Wissenschaft auch gesellschaftlich gebunden.“ Das nahm einer Veranstaltung, die den Titel „Freie vs. gesellschaftlich gebundene Wissenschaft“ trug, gewissermaßen von Anfang an die Schärfe. Hinzu kommt, dass eine Minimalbesetzung des Podiums mit nur zwei Personen nicht die idealste Voraussetzung für eine kontroverse Diskussion darstellte.

Ungeachtet dessen lieferte die Veranstaltung zahlreiche interessante und wichtige Denkanstöße, um über die Stellung von Wissenschaft innerhalb der Gesellschaft zu reflektieren. Außerdem lässt das Event auf die beiden noch ausstehenden Podiumsdiskussionen der Veranstaltungsreihe hoffen: Am 20. Mai werden auf dem Campus Griebnitzsee Nutzen und Notwendigkeit von Ethikkommissionen erörtert, während am 24. Juni am Neuen Palais die Zivilklausel zur Debatte steht. Die Veranstaltungen beginnen jeweils um 18 Uhr, die Räume werden noch benannt.

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