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campusPOLITIK Featured Ganz vorn — 31 Januar 2018

Was bedeutet es ein Fremder zu sein? (Foto: Angelina Schüler)

Al-watan ist arabisch und heißt „die Heimat“. Was passiert, wenn du gezwungen bist, deine Heimat zu verlassen und du plötzlich einen neuen Ort als deine Heimat akzeptieren musst. Wie ist deine „neue Heimat“? Ich bin 29 Jahre alt und lerne an der Universität Potsdam Deutsch, um nochmal Jura studieren zu können. In Deutschland möchte ich mir ein neues Leben aufbauen. Von Issam.

Am heutigen Tag begreife ich, dass es hier keinen Platz für mich gibt. Ich habe fast alles, aber mir fehlt das Wichtigste im Leben: die Familie, die richtigen Freunde – die mit mir das Menschsein, die Freude und das Selbst finden. Ich habe alle Rechte und erledige meine Pflichten.

Neuanfang

Seit Monaten versuche ich, ein neues Leben in einer neuen Stadt aufzubauen. Mein Heimatland musste ich wegen des Krieges verlassen. Jeder weiß, was das heißt.

Ich weiß, dass ich Sozialhilfe erhalte. Dies möchte ich nicht mehr, um als richtiger Bürger zu gelten. Deswegen war der erste Schritt, mir schnell einen Job zu suchen, den ich in einem Restaurant, in einer Nachbarstadt gefunden habe. Wie bereits erwähnt, habe ich auch Pflichten, wie z.B. Deutsch zu lernen. Dies zu koordinieren ist schwierig. Da der Deutschkurs viele Stunden in Anspruch nimmt und ich so nicht mehr viel Zeit zum Arbeiten habe, bzw. eine Festanstellung erhalten kann, um meine Steuern zu bezahlen, so wie es von mir verlangt wird.

Fremd sein

In dieser kleinen Stadt ist es zu schwer, deutsche Menschen zu finden, die mit uns sprechen wollen. Die Gründe dafür sind unsere Herkunft und unsere Religion. Trotzdem habe ich viele Freunde, die hierhergekommen sind, um an der Hochschule zu studieren. Unsere Gespräche beginnen und enden oft mit dem Wort Syrien. Sie laden mich zu jeder Gelegenheit ein, z. B. wenn sie Geburtstag oder eine Party feiern. Dabei fühle ich mich wie ein Fremder zwischen ihnen. Ich möchte ein Teil von ihnen werden und wünsche mir, alles mit ihnen teilen zu können. Schwierigkeiten haben wir, den Kontakt aufrechtzuerhalten und Freundschaften zu gründen. Daran bin ich nicht gewöhnt. Ich kann meine Depression und Isolation vor ihnen nicht verbergen. Ich sehe in ihren Augen Mitleid oder Desinteresse. Dadurch reißt der Kontakt von Einigen ab. Das macht mich traurig und ich kann es nicht verbergen. Ich möchte das Mitleid nicht, sondern möchte teilhaben. Dabei handele ich nicht als Syrer. Manche sind aufrichtig und trösten mich. Außerdem erinnern sie mich daran, dass nach Deutschland geflüchtet zu sein, die Chance meines Lebens war. Muss ich immer dankbar sein? Sie glauben, meine Situation zu verstehen und wollen mir ihre Sicht, ihre Worte und ihre Gespräche überhelfen. Sie denken, diesen kurzen Eindruck meiner Erfahrungen beurteilen zu können. Muss ich das akzeptieren?

Sie wissen nicht, dass ich viele Erfahrungen gemacht habe, die ich nicht mit ihnen teilen kann – manchmal wegen der Sprache, aber meistens wegen meines Desinteresses. Mein Leben habe ich in Syrien gelassen. Hier versuche ich mir nun ein neues Leben aufzubauen, auch mit Syrern, die ich kennenlerne. Manche von ihnen sind anders als ich. In meinem Heimatland wäre ich nie mit ihnen in Kontakt getreten. Ich habe versucht, mir ein neues Leben aufzubauen anstatt in Trauer zu ertrinken.

Verschlossene Türen

Die Integration ist eine große Lüge. Solange sie mit mir/uns umgehen, als wären wir Opfer, die bemitleidet werden müssen, oder als Feinde, die ihr Land besetzen und zerstören wollen. Solange vergesse ich nicht, wie es vor dem Krieg in meiner Heimat war und ziehe Vergleiche zwischen der Situation dort und hier. Ich habe nur eine Bitte – gehen sie mit mir als Mensch um, dann kann ich mein Leben weiter aufbauen und in Zukunft Erfolg haben, um diesem Staat etwas Gutes zurückzugeben. Dieser Staat, der sagte: „Ihr seid willkommen“, aber inzwischen sind alle Türen verschlossen.

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